Was ist eigentlich Immersion? Und warum sollte man sich vor Zügen in Acht nehmen?

29.09.2021  — Tobias Weilandt.  Quelle: Verlag Dashöfer GmbH.

Wenn man sich mit dem Thema Virtual Reality auseinandersetzt, begegnet einem früher oder später unweigerlich der Begriff Immersion. Dieses Phänomen ist der Kern von VR. Doch was bedeutet Immersion eigentlich und kam er erst mit der neuen Technologie auf?

Im Jahre 1895 zeigten die Lumiere-Brüder in Paris den wohl ersten Film der Weltgeschichte. Zugegeben, mit einer Länge von 49 Sekunden ist der Film kein Epos geworden und zeigt auch nur die Einfahrt eines Zuges in den Bahnhof La Ciotat. Selbstverständlich handelte es sich bei “L’Arrivée d’un train en gare de La Ciotat” um einen Stummfilm und dennoch gab es, noch bevor der Film zu Ende war, die ersten Verletzten im Kino. Was war passiert?

Eine Legende besagt, dass die Kinobesucher*innen beim Filmbeginn in Panik gerieten, da sie den einfahrenden Zug im Film für einen echten hielten. Offensichtlich wurden sie Opfer ihrer eigenen Vorstellungskraft, denn sie verwechselten eine filmische Darstellung mit der realen Welt. Bis heute werden in Kinosälen die Lichter gelöscht, um durch die Minimierung von visuellen Störungen ein höchstmögliches Maß an Immersion zu generieren. Aber was heißt eigentlich Immersion und was ist so besonders an immersiven Erfahrungen?

Immersion ist vom lateinischen Wort immersio abgeleitet, das Eintauchen oder Vertiefen bedeutet. So ist es auch nachvollziehbar, dass der Begriff ursprünglich zur Bezeichnung des Eintauchens eines Täuflings bei einer Taufprozedur verwendet wurde.

Im technologischen Kontext meint Immersion das Eintauchen in eine virtuelle Umgebung und wird allzu häufig als genuines Charakteristikum von Virtual Reality verwendet. Eine immersive Erlebnisqualität lässt sich aber nicht nur bei VR-Anwendungen beobachten, sondern auch bei ganz analogen Medien. Wer sich schon einmal in ein Buch so vertieft hat, dass Essen, Trinken und Schlafen zweitrangig werden, erlebt die Lektüre mit großer Wahrscheinlichkeit als immersive Erfahrung. Die Literatur selbst griff die immersive Erfahrung und ihre Folgen mehrfach selbst auf: Wer kennt nicht “Die unendliche Geschichte” von Michael Ende, in der der Lesende, Bastian, sich so in das gleichnamige Buch vertieft, das er selbst zu einem essentiellen Teil der Erzählung wird. Und genau dieses Beispiel gibt Auskunft darüber, was Immersion tatsächlich ist und wie sie sich von anderen Rezeptionstypen unterscheidet.

Mittendrin, statt nur dabei

Die Medienwissenschaften und die Erkenntnistheorie (Disziplin der theoretischen Philosophie) unterscheiden klassisch zwischen der Rezeption aus einer Ersten-Person-Perspektive und einer Dritten-Person-Perspektive. Um diese Unterscheidung zu veranschaulichen, hilft ein einfaches Beispiel: Wenn wir ein Museum besuchen oder eine Galerie, dann sehen wir uns die dort ausgestellten Exponate aus einer Dritten-Person-Perspektive an. Wir stehen vor einem Bild, einer Skulptur oder einem anderen Ausstellungsstück. Wir schauen von außen auf das Objekt.

In den Medienwissenschaften wird dabei gern von der “Fenster-Metapher” gesprochen, denn wir stehen beim Betrachten von Ausstellungsobjekten wie vor einem Fenster. Wir nehmen etwas aus einer reinen Beobachterperspektive wahr.

Im Falle der Immersion rezipieren wir Inhalte aus einer Ersten-Person-Perspektive, denn wir sind Teil der Umgebung, die wir wahrnehmen. Wir können bestenfalls mit der virtuellen Realität interagieren und können von ihr als Umgebung sprechen, denn wir haben bei Kopf- und Körperdrehungen einen 360 Grad-Blick - wir sind eben umgeben von ihr. Wir beobachten also nicht, wie bei der Betrachtung eines Bildes, sondern wir selbst sind ein Teil der VR und können gegebenenfalls direkt auf diese virtuelle Welt einwirken - wir tauchen regelrecht in sie ein.

Immersion können wir durch die verschiedensten Aktivitäten erfahren. Sie ist, wie gesehen, durchaus nicht an technologische Medien wie VR gebunden. Wohl aber haben Virtual Reality-Anwendungen das Potenzial, ein sehr viel höheres Maß an Immersion bei Menschen zu generieren, als es Filme, Literatur und andere Medien vermögen. Und weil Immersion uns für ganze Zeitspannen regelrecht von der Außenwelt absorbiert, ist sie lernpsychologisch so interessant. Immersive Erfahrung und das Eintauchen in einen Inhalt bedeuten gleichermaßen auch ein hohes Maß an Konzentration und Aufmerksamkeit. Und weil Virtual Reality-Anwendungen das bisher höchste Maß an Immersion generieren und damit Aufmerksamkeit und Konzentration auf Inhalte stark binden, ist VR eines der besten Weiterbildungsmedien, die uns derzeit zur Verfügung stehen.

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Bild: Bradley Hook (Pexels, Pexels Lizenz)

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